Johann-Maria Farina und Hans-Christoph Seebohm
Ein Beitrag zur Straßennamen-Diskussion, vorgetragen von Jörg Kramer in der Ratssitzung am 21.06.2010
"Es gibt keine letztgültige, unumstößliche und nicht mehr zur Diskussion stehende Wahrheit in der Geschichte.", so die Mahnung von Prof. Dr. Vogtherr in seiner Expertise für den Kulturausschuss.
Für mich ist auch deshalb gar nicht so entscheidend, zu welchem Abstimmungsergebnis wir heute gelangen. Der Erfolg dieser von Bürgermeister Otto Lukat aufgenommenen Initiative liegt in der Diskussion, die um diese Straßennamen geführt wurde. - "Der Weg ist das Ziel"
Diese Diskussion ist natürlich kontrovers, von manchem leider auch gar nicht geführt worden, sie war häufig emotional, manchmal auch unter der Gürtellinie.
Ich gehöre zu denjenigen, die im Laufe der Auseinandersetzung mit diesen Personen ihre Meinung geändert haben.
- Wird jemand Nutznießer, wenn er "nur" Mitläufer ist?
- Muss man im Amt bleiben, muss man in die NSDAP eintreten, um Schlimmeres zu verhindern?
- Muss man die Nazi - Ideologie nicht zumindest toleriert haben, um Profiteur werden zu können?
Bläst man den Gefechtsqualm weg, so bleibt bestehen, dass mit dem
Öffnen der Archive der "Dresdener Bank" die Arisierungsvorgänge im nordböhmischen Bergbau in einem neuen Licht gesehen werden müssen. Was in den letzten Jahren an neuen Informationen über Seebohms Karriere im Dritten Reich bekannt wurde, hält Prof. Dr. Vogtherr für zumindest schwerwiegend. Dem schließe ich mich an.
Diese Erkenntnisse lagen unseren Vorgängern nicht vor, so dass das Argument - "Sie wussten schon, was sie beschließen" - nicht ernsthaft für die Beibehaltung herangezogen werden kann.
Auch ist die Rolle der kommunalen Entscheidungsträger in der Nazi - Diktatur erst seit den 60iger/70iger Jahren kritisch untersucht worden.
Die Aufarbeitung im Kontext des Uelzener Stadtarchivs belegt, dass Farina bei der Mehrzahl der nationalsozialistischen Unrechtstaten auch gegen Uelzener Bürgerinnen und Bürger Verantwortung trug und das Unrechtssystem damit stützte.
"Wie hätten Sie denn gehandelt, wenn Sie damals gelebt hätten?" Diese häufig rhetorisch gestellte Frage will davon ablenken, dass tausende Reichsdeutsche sich gegen die Nazidiktatur gestellt haben, wohl wissend, dass KZ und Tod auf sie warten.
Für mich sinnbildlich zusammengefasst in dem Ruf von Otto Wels, den er für die SPD Fraktion im Reichstag und für die bereits verhafteten Reichstagsabgeordneten als Begründung für die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes ausrief: "Leib und Leben könnt ihr uns nehmen, die Ehre nicht!"
Obwohl also auch dies kein Argument für die Beibehaltung darstellt, war ich lange dafür, Farina als Straßennamen zu erhalten. Ein Mann, der 33 Jahre Uelzer Bürgermeister gewesen ist, ist allein aufgrund der unvergleichlich langen Amtszeit in der Geschichte Uelzens hervorhebenswert und darf doch nicht aus dem kollektiven Gedächtnis der Uelzener getilgt werden.
Ich finde es faszinierend, wie ein Konservativer in einer konstitutionellen Monarchie Bürgermeister wird, sich 13 Jahre in der ersten Demokratie auf deutschem Boden hält und übergangslos 12 Jahre in einer faschistischen Diktatur Verantwortung tragen kann.
Farina ist für mich das Paradebeispiel eines autoritätshörigen Konservativen, dem es wie vielen anderen gelang, 13 Jahre in einer ungeliebten Demokratie zu überwintern, um dann freudestrahlend wieder einen Führer begrüßen zu können. An ihm lässt sich auch im Geschichtsunterricht Kontinuität und Diskontinuität deutscher Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert aufzeigen. - dies aber bitte schön im Museum, in Ausstellungen etc. und nicht mit Hilfe eines Straßennamens.
PS
All denen,
- die keine Diskussion "mehr" wollen,
- die die Vergangenheit ruhen lassen wollen,
- die sagen, wir hätten in Finanz- und Wirtschaftskrise oder bei 10 Millionen Schulden Wichtigeres zu tun,
sei gesagt: Wir sind es den Opfern des Nationalsozialismus schuldig!
Die Opfer können von uns "Nachgeborenen", die persönlich keine Schuld tragen können, erwarten…,
- dass wir hinschauen, was im Namen Deutschlands geschehen ist,
- dass wir nicht leugnen oder verharmlosen, was im Dritten Reich angerichtet wurde,
- dass wir uns neuen Erkenntnissen über diese Zeit nicht verschließen.
In diesem Sinne bin ich für die Umbenennung der Straßennamen. Die Diskussion ist mit der heutigen Beschlussfassung jedoch nicht beendet, nicht in Deutschland und auch nicht in Uelzen.